Entrainment: Prinzip & Auswertbarkeit
Erregbare Lücke, orthodrome und antidrome Welle — und die Frage, ob das Manöver überhaupt auswertbar ist.
11 Min. Lesezeit
Lernziele
- Ich kann erklären, wie ein externer Stimulus über die erregbare Lücke in einen Reentry-Kreis gelangt und welche zwei Wellen dabei entstehen.
- Ich kann TCL, PCL und PPI unterscheiden und das Modell hinter der Rückkehrgleichung erläutern.
- Ich kann anhand von A–A, A-Sequenz und Rückkehr entscheiden, ob ein ventrikuläres Overdrive-Pacing überhaupt auswertbar ist.
- Ich kann benennen, wann trotz V-Capture kein Entrainment vorliegt und welche Konsequenz eine Terminierung für das PPI hat.
Ventrikuläres Overdrive-Pacing (VOP) ist das wichtigste einzelne Manöver zur Differenzierung supraventrikulärer Tachykardien. Alle Messgrößen, die danach kommen — SA−VA, PPI−TCL, ΔHA — setzen eines voraus: dass der Kreis tatsächlich entrainiert wurde und dieselbe Tachykardie zurückkehrt. Diese Lektion klärt, wie das funktioniert und woran man es erkennt.
Was im Kreis passiert
Ein reentranter Kreis besteht zu jedem Zeitpunkt aus drei Abschnitten: der laufenden Wellenfront, dem refraktären Gewebe hinter ihr und der erregbaren Lücke vor ihr. Nur in diese Lücke hinein kann ein externer Stimulus wirken.
Daraus folgen die drei Grundbegriffe:
| Größe | Definition |
|---|---|
| TCL | Tachykardie-Zykluslänge — ein natürlicher Umlauf im Kreis |
| PCL | Pacing-Zykluslänge — der Abstand der abgegebenen Stimuli |
| PPI | Post-Pacing-Intervall — letzter Stimulus bis zum ersten nicht stimulierten lokalen Signal am Stimulationsort |
Das Modell hinter der Rückkehr:
PPI ≈ TCL + Hinweg + Rückweg + zusätzliche Leitungsverzögerung
Je weiter der Stimulationsort elektrisch vom Kreis entfernt liegt, desto größer wird PPI − TCL. Zwei Einschränkungen gehören von Anfang an dazu: Elektrische Leitungszeit ist nicht geometrische Entfernung — ein anatomisch naher Ort kann elektrisch weit sein. Und in der Rückkehrgleichung steht die TCL, nicht die PCL.
Ist das Manöver überhaupt auswertbar?
Vor jeder Zahl steht diese Frage. Drei Bedingungen müssen gemeinsam erfüllt sein:
- V-Capture ist gesichert.
- A–A beschleunigt auf die PCL — der SVT-Takt folgt dem Pacing.
- Dieselbe SVT kehrt zurück, mit gleicher A-Sequenz.
Darstellung anpassen
Praktische Einstellung: RV-apikal, PCL meist 10–40 ms unter der TCL. Zu aggressives Pacing terminiert, zu langsames entrainiert nicht.
Wenn die Bedingungen nicht erfüllt sind
| Beobachtung | Einordnung | Folge für die Messung |
|---|---|---|
| A und H laufen mit eigener TCL weiter | echte V-Dissoziation | kein PPI; gewöhnliche AVRT ausgeschlossen, AT/AVNRT möglich |
| SVT terminiert reproduzierbar | kein Rückkehrschlag | kein messbarer PPI; siehe His-refraktäre VES, Terminierung & Dissoziation |
| A-Sequenz ändert sich nach VOP | andere Tachykardie oder anderer Ursprung | Messung ungültig |
| Isorhythmie (PCL ≈ TCL) | V-Capture ohne Beeinflussung | kein Entrainmentnachweis |
V-Capture ist nicht Entrainment. Dass der Ventrikel erfasst wird, sagt nichts darüber, ob der Kreis beschleunigt wurde. Entscheidend ist, dass A–A der PCL folgt — und dass das letzte entrainierte A kausal zugeordnet werden kann.
Der kurze Burst
Terminiert das VOP wiederholt, bevor ein Entrainment etabliert ist, beschreibt Teil 1 der Veenhuyzen-Serie einen Ausweg: ein kurzer Burst von 3–6 ventrikulären Stimuli bei 200–250 ms. Er reicht oft aus, um die Antwortsequenz (A–H versus A–A–H) zu beurteilen, auch wenn kein vollständiges Entrainment zustande kommt.
Was als Nächstes kommt
Ist das Manöver auswertbar, folgen zwei getrennte Auswerteschritte:
- Qualitativ — welches Antwortmuster zeigt sich nach dem letzten getriebenen A? Siehe Antwortmuster: A–H, A–A–H und Pseudo-V–A–A–V.
- Quantitativ — SA−VA, PPI−TCL, cPPI, ΔHA und das differenzielle Entrainment. Siehe SA−VA, PPI−TCL, cPPI, ΔHA & differenzielles Entrainment.
Mini-Quiz
1 / 3Während RV-Pacing mit PCL 300 ms laufen A und H unverändert mit 400 ms weiter. Wie ist das Manöver einzuordnen?
Take-aways
- Ein Stimulus erreicht den Kreis nur über die erregbare Lücke. Er erzeugt dort zwei Wellen - eine orthodrome, die den Kreis fortsetzt, und eine antidrome, die mit der nativen Wellenfront kollidiert.
- Blockiert zusätzlich die orthodrome Welle, endet der Reentry - und damit auch jede PPI-Messung.
- TCL ist die natürliche Umlaufzeit, PCL der Stimulusabstand. PPI ≈ TCL + Hinweg + Rückweg + zusätzliche Leitungsverzögerung.
- Auswertbar ist ein VOP nur, wenn A-A der PCL folgt, die A-Sequenz gleich bleibt und dieselbe SVT zurückkehrt. V-Capture allein genügt nicht.
- Elektrische Leitungszeit ist nicht geometrische Entfernung - und die PCL ersetzt in der Rückkehrgleichung nie die TCL.
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